Was ist Despotie? (Abd al-Rahman al-Kawakibi)

Abd al-Rahman al Kawakibi (1854-1902) verbrachte den Großteils seines Lebens in Aleppo, wo er u.a. für mehrere Zeitungen arbeitete und als Bürgermeister von Aleppo tätig war. Das heutige Syrien war damals noch Teil des Osmanischen Reiches. Aufgrund seiner liberalen Ansichten geriet er immer wieder mit den osmanischen Behörden aneinander, weshalb er sich letztlich nach Kairo zurückzog und sich dem Zirkel um Muhammad ‚Abduh und Rashid Rida anschloss. In Kairo veröffentlichte Kawakibi – anonym- eines seiner wichtigsten Werke: Die Eigenschaften der Despotie.

Wie die meisten seiner Zeitgenossen beschäftigte auch er sich mit der Frage, warum die islamische Welt im Vergleich zu den europäischen Mächten ins Hintertreffen geraten war. Die Gründe hierfür sah er in „Neuerungen“ (bid’a), die dem Wesen des Islam widersprechen. Als Befürworter eines rationalen Islam, in dem der vernunftgeleitete Ijtihad die Scharia mit den Herausforderungen des modernen Lebens versöhnt, kritisierte er, dass sich die Muslime ausschließlich auf unreflektierte Übernahme von Entscheidungen (taqlid) beschränken und sich nur mit dem Jenseits befassen, anstatt die Probleme des Diesseits rational anzugehen.

Hierbei würden sie von den Herrschern ermutigt, die die Religion benutzen, um ihre absolute Macht zu sichern und zu missbrauchen – weshalb er implizit auch für eine Trennung von Staat und Religion plädiert. Der Despotismus, der Staat und Gesellschaft korrumpiert habe, müsse daher abgeschafft und durch einen gerechten Staat ersetzt werden, in dem der Mensch frei sei und als solcher der Gemeinschaft dienen könne; ein Staat, der sich um die Menschen kümmere und der durch die Menschen kontrolliert werde.

In Die Eigenschaften der Despotie ruft er sowohl Muslime wie auch Nichtmuslime dazu auf, gegenseitige Spannungen der Vergangenheit zu vergessen, um sich gemeinsam dem Kampf gegen die Despotie zu widmen und eine nicht auf Religion beruhende nationale Einheit zu schaffen. Der Kampf gegen die Tyrannei sei mit kühlem Kopf und gewaltlos zu führen und vor allem über Bildung erfolgen. Wenn man andererseits rebelliere, müsse sich die Mehrheit der Rebellen über das gemeinsame Ziel im Klaren sein, da sonst ein Bürgerkrieg drohe. Gerade diese Aussagen zeugen von der aktuellen Brisanz.

Bemerkenswert ist Kawakibi vor allem in seiner Analyse der Despotie, aus dem u.a. hervorgeht, welches Gegenmittel er als das effektivste betrachtete: Die Mündigkeit und Eigenverantwortung der Bürger.

Die folgenden Zeilen stammen aus dem gleichnamigen Kapitel Was ist Despotie? (Ma huwa al-istibdad?) aus dem Werk Die Eigenarten der Despotie und die Stätten der Versklavung (Taba’i al-istibdad wa masari‘ al-isti’bad), veröffentlicht in Kairo, 1899.

Despotie, im wörtlichen Sinn, ist die Illusion, sich einzig auf die eigene Meinung beschränken und jeden Ratschlag verschmähen zu können und (darüber hinaus die Prinzipien) Meinungsfreiheit und der Eigenständigkeit, die durch die Existenz gemeinsamer Rechte gewährt wird, abzulehnen.

Gemeinhin bezieht sich Despotie speziell auf die Despotie von Regierungen, weil sie es sind, die die gewaltigsten Schäden anrichten, indem sie den Menschen ein elendes Leben bescheren. Was die Eigenmächtigkeit der Seele über die Vernunft oder die Willkürherrschaft des Vaters, des Lehrmeisters, des Ehemanns, der Oberhäupter einiger Konfessionen, einiger Gesellschaften und Klassen anbetrifft, so wird sie als Despotie im übertragenen Sinne bezeichnet bzw. bedarf einer weiteren Klassifizierung.

Despotie, als terminus technicus der Politiker, bedeutet die freie oder willkürliche Verfügungsgewalt eines Einzelnen oder einer Gruppe in den Rechten des Volkes ohne Angst vor Konsequenzen. (…) Wenn man sie anhand ihres (wesentlichen) Merkmals definiert, so trägt die Despotie de facto die Eigenschaft einer fessellosen Regierung. De jure agriert sie in den Angelegenheiten der Untertanen ohne Furcht vor Rechenschaft und Strafverfolgung. Zur Verdeutlichung: Weder ist sie in ihrem Verhalten gebunden an die Scharia noch an ein traditionelles Vorbild oder an den Willen der Gemeinschaft der Muslime – dies ist der Fall der uneingeschränkten Regierung. Oder aber sie ist eingeschränkt durch einen dieser Faktoren, besitzt jedoch ausreichend Macht, diese Beschränkungen aufzuheben, wenn sie dies beabsichtigt – dies ist die Situation der meisten Regierungen, die sich selbst konstitutionell oder Republik nennen.

Die Formen der despotischen Regierung sind vielfältig. Dies ist nicht der Ort, dies weiter zu erörtern. Es ist an dieser Stelle ausreichend, auf die Eigenschaft der Despotie hinzuweisen. Sie beinhaltetdie Regierung eines einzelnen uneingeschränkten Herrschers, der die Herrschaft durch einen Sieg oder Erbschaft ergreift; sie beinhaltet auch den (ursprünglich) eingeschränkten und gewählten Herrscher, der dann nicht mehr rechenschaftspflichtig ist; sie beinhaltet auch die Regierung einer Gruppe, selbst wenn diese gewählt wurde, da die kollektive Meinung per se keine Despotie verhindert, sondern sie vielmehr qualitativ verändern kann. Und dies kann, wenn alle (in der Gruppe) übereintimmen, schlimmer sein als die Despotie des Einzelnen. Sie beinhaltet auch die konstitutionelle Regierung, in der die Legislative von der Exekutive und von den Kontrollinstanzen getrennt ist, weil Despotie erst gebannt ist, wenn es eine Verflechtung der Verantwortlichkeit gibt: d.h. eine Exekutive, die der Legislative, die der Gemeinschaft gegenüber rechenschaftspflichtig ist – einer Gemeinschaft, die sich darüber im Klaren ist, dass sie der Herr aller Angelegenheiten ist, die weiß, dass sie die Kontrollmacht innehat, weil sie am Ende auch die Rechnung begleichen muss.

Die schlimmste Form der Despotie wiederum (…) ist die uneingeschränkte Regierung eines Einzelnen, der Thronerbe, Herrführer und Inhaber religiöser Autorität ist. Hierzu müssen wir sagen: Je weniger er von diesen Attributen besitzt, desto mehr reduziert sich die Despotie, bis man letzendlich bei einem tatsächlich auf Zeit gewählten, rechenschaftspflichtigen Herrscher ankommt. Ebenso verringert sich die Despotie ganz natürlich, wenn die Zahl der Untertanen, der Besitztümer und die ungleiche Verteilung des Reichtums ab- und das Wissen im Volk zunehmen.

Tatsächlich hat sich bislang noch keine Regierung, gleich welcher Art, vom Zustand der Despotie entfernt, solange sie nicht unter umfassender Kontrolle und unter unnachsichtiger Rechenschaftspflicht steht, so wie es sich in der Frühzeit des Islams zutrug, als man sich erst an ‚Uthman und dann an ‚Ali¹ (Gott möge an ihnen Wohlgefallen finden) rächte; und so wie es sich in der modernen Republik in Frankreich zutrug in der Ordensaffäre, im Panamaskandal und in der Dreyfus-Affäre.

Es ist von Natur aus sowie in Anbetracht historischer Erfahrungen eine feststehende Tatsache: auch wenn sich eine gerechte Regierung den Prinzipien der Verantworlichkeit und der Rechenschaftspflicht verschreibt, so beschleunigt sich (unausweichlich) ihre Verwandlung hin zur Despotie, wenn die Gemeinschaft der Regierung gegenüber gleichgültig ist oder wenn die Regierung in der Lage ist, die Gemeinschaft zu ignorieren. In diesem Prozess reicht es aus, wenn die Regierung von einem der zwei mächtigsten Hilfsmittel unterstützt wird: der Unwissenheit der Gemeinschaft oder dem organisierten Heerwesen. Beide Faktoren sind von größtem Unglück für die Gemeinschaft und zugleich die größten menschlichen Laster. Die zivilisierten Gemeinschaften haben die Unwissenheit ein wenig beseitigt. Aber das der Gemeinschaft aufgezwungene Heerwesen² ist in einem solch großen Umfang zerfallen, dass es das Leben der unwissenden Gemeinschaft elend gemacht hat und dazu geführt hat, dass der Menschlichkeit Schande anhaftet – dies ist die hässlichste Form der Despotie. Vielleicht muss man sogar sagen: Wenn der Erfinder dieses Militärs der Teufel war, so rächte er sich an Adam bzw. seinen Kindern so sehr, wie man sich überhaupt nur rächen kann! Ja, solange dieses Militär, das (in dieser Form) bereits seit Jahrhunderten existiert, fortbesteht, wird es auch die Standhaftigkeit der Gemeinschaften ermatten und sie (letztlich) zu ihrem sofortigen Untergang führen. (…)

Das Militär korrumpiert die Moral der Gemeinschaft, indem es sie Brutalität, blinden Gehorsam und (blindes) Vertrauen lehrt. Es tötet die Energie und die Idee der Selbständigkeit ab und bürdet der Gemeinschaft Kosten auf, die sie nicht tragen kann. (…) In der Geschichte der zivilen Regierungen ist mit Ausnahme der gegenwärtigen Regierung in England keine rechenschaftspflichtige Regierung bekannt, die länger als ein halbes Jahrhundert bis maximal einhundertfünfzig Jahre Bestand hatte. Der Grund hierfür ist die Wachsamkeit der Engländer, die kein Sieg berauscht und die keine (innere) Verwerfung schwächt. Nicht für einen Augenblick vernachlässigen sie die Kontrolle ihrer Könige. Das Ministerium legt die Dienstleistungen und die Dienerschaft für den König fest und bestimmt sogar die Wahl der Ehefrau und seine Heiratspolitik. Die Könige von England haben seit Jahrhunderten mit Ausnahme der Krone alles verloren. (…)

Was die beduinischen Regierungen anbetrifft, von deren Untertanen alle oder zumindest die meisten Sippen in der Wüste leben, so ist es ihnen ein Leichtes zu fliehen oder auseinanderzugehen, wenn ihre Regierungen ihre persönliche Freiheit anrühren (…). Sie sind nicht stark genug, Gerechtigkeit einzufordern. Aber diese Regierungen strebten selten nach der Despotie. Das beste Beispiel hierfür sind die Bewohner der arabischen Halbinsel, die seit der Herrschaft der Könige Tubba‘, Himyar und Ghassan³ bis zum heutigen Tag kaum wussten, was Despotie ist, von kurzen Episoden abgesehen. Der Ursprung der Lebensweisheit liegt darin begründet, (…) dass die Beduinen in Selbständigkeit aufwachsen: jeder Einzelne ist fähig, sich in seiner Existenz auf sich selbst zu verlassen, was im Gegensatz zur Natur des Städters steht. (…)

Einige weise Männer, und besonders diejenigen, die sich in jüngster Vergangenheit äußerten, haben sehr eloquent über die Charakteristik der Despotie und über die Behandlung derselben gesprochen und sich das Elend der Menschen vergegenwärtigt. Es ist, als ob sie sagen: Das ist dein Feind, achte darauf, was du tust! Einige ihrer Äußerungen lauten:

„Der Despot regelt die Angelegenheiten der Menschen nach seinem, nicht nach ihrem Willen. Er beherrscht sie nach seinem Belieben, nicht nach ihrer Gesetzgebung. In seinem Innern weiß er, dass er ein zorniger Aggressor ist, der seinen Fuß in die Münder von Millionen Menschen steckt, um sie daran zu hindern, ihr Recht einzufordern und ihn zur Rechenschaft zu ziehen.“

„Der Despot ist der Feind des Rechts und der Freiheit, er zerstört beide. Das Recht ist der Vater der Menschen, und die Freiheit ihre Mutter. Das gemeine Volk ist ein schlafender Waisenknabe, der über nichts Bescheid weiß. Die Rechtsgelehrten (‚ulama‘) sind ihre rechtgeleiteten Brüder. Wenn sie es aufwecken, erhebt es sich und wenn sie es auffordern, wird es verständig sein und dem Aufruf der Gelehrten folgen)“(…).

„Auch der Despot ist ein Mensch, der Böses von Gutem zu unterscheiden weiß. Wichtiger aber ist, dass die Untertanen wissen, was gut und was schlecht für sie ist und ihren Herrscher entgegen seiner Natur zum Guten verpflichten.“ (…)

Die Despotie ist das Zornesfeuer Gottes im Diesseits, so wie die Hölle Sein Zornesfeuer im Jenseits ist. Gott erschuf das Feuer als stärkstes Mittel zur Reinigung, um hiermit das Diesseits vom Makel derjenigen zu säubern, die er als Freie erschuf und denen er die Erde und ihr tägliches Brot darbot. Sie jedoch glaubten nicht an seine Gnade und unterwarfen sich der Versklavung und der Tyrannei.

Die Despotie ist das schlimmste Unheil und die schwerste Prüfung, weil sie die fortwährende Seuche der Bürgerkriege (fitan) mit sich bringt. (…) Wenn man sich fragt, „Warum sucht Gott seine Diener mit Despoten heim?“, dann gelangt man zu der übezeugenden Antwort: Gott ist wahrlich gerecht und uneingeschränkt (in seinen Handlungen), Er fügt niemandem Unrecht zu, denn Er lässt Despoten nur über Despoten herrschen. Wenn sich der Fragende die Sichtweise eines strengen Weisen aneignet, dann wird er erkennen, dass jeder einzelne Gefangene der Despotie selbst ein Despot ist. Und wenn er dazu in der Lage wäre, so würde er seine Ehefrau, seine Familie, seine Sippe, sein Volk, alle Menschen und selbst seinen Herrn, der ihn erschuf, dazu zwingen, seine Meinung und seinem Befehl zu folgen (…).

Die Despoten werden (eben) von einem Despoten beherrscht, und die Freien von einem Freien. (…) Was ist naheliegender für einen Gefangenen (der Despotie) einer Region, als sich von dieser dorthin zu begeben, wo er wieder im Besitz seiner Freiheit ist. Denn der freie Hund führt wahrlich ein besseres Leben als der Löwe in Ketten!“

¹  Gemeint sind die beiden letzten der – nach sunnitischer Lesart – vier rechtgeleiteten Kalifen, ‚Uthman b. ‚Affan (reg. 644-56) und ‚Ali b. Abi Talib (656-61).
²  Aus dem Kontext geht nicht klar hervor, worauf Kawakibi sich genau bezieht. Generell galt das Militär im Osmanischen Reich spätestens seit dem 18. Jhd. als dringend reformbedürftig, um mit den aufstrebenden europäischen Mächten konkurrieren zu können.
³  Vorislamische Könige Südarabiens.